Heimat ist nicht nur physisch, sondern auch ein transzendentes Gefühl, voller Worte und Klänge. Wo ist unser Zuhause wirklich? Woher kommen wir, wohin gehen wir? Gehört Heimat zu einem Ort, einem Gefühl oder zu Beziehungen?Liegt Heimat dort, wo wir leben („den Hut ablegen“) oder dort, wo unser Herz ist?
Das Heimatklängefestival in Berlin, das zwischen 1988 und 2006 jeden Sommer stattfand, war zweifellos ein strahlendes Zuhause für den Klang der Welt. Es vereinte kraftvoll die internationalen Volksmusiktraditionen, die seit den 1980ern unter dem Label Worldmusic vermarktet wurden, und stellte sie in einen lebendigen popkulturellen Kontext, wodurch aufregende Fusionen ermöglicht wurden, die das Herz berührten und Menschen miteinander verbanden. Ein musikalischer Heimathafen.
Das Label Worldmusic aka Weltmusik ist im Grunde ein alter Hut, muss sich doch schliesslich jede entwickelte Musiktradition von älteren Einflüssen speisen, die oft eben Volksmusiken waren. So wurden immer schon neben lokalen auch globale Einflüsse aufgenommen. Als fremd oder exotisch empfundene Klänge wurden mit Vertrautem verknüpft, wie etwa beim Rondo alla Turca von Mozart oder den Anleihen bei der Musik der Roma bei Sarasate, Liszt oder Brahms.
Um die Jahrhundertwende zum 20. Jahrhundert entsteht Jazz als Fusion von afrikanischer und europäischer Musik. Etwa zur selben Zeit verwendete der deutsche Musikologe Georg Capellen erstmals den Begriff „Weltmusik“. Dieser geriet in Vergessenheit, doch der Jazz brachte es relativ schnell zu großer Popularität, auch in Europa. Seit den 1960ern erwachte verstärkt ein neues Interesse an exotischen Musiktraditionen. Zwischen 1959 und 1960 nahm Miles Davis Sketches of Spain auf. In der Hippie-Ära seit Mitte der 1960er entdeckten Rockmusiker indische Ragas und marokkanische Flötenmusik. Bis in die 1980er gab es etliche Projekte, die Rock und Volksmusik miteinander verbanden. In Deutschland startete 1969 die Band Embryo.
Erst im Verlauf der 1980er erlebte das Label „Worldmusik“ seine Sternstunde. Zum einen aus Marketinggründen, zum anderen, um einem vibrierenden Trend einen Namen zu geben. Neben dem 1982 in UK geborenen WOMAD war das Heimatklängefestival zweifellos das wichtigste dieser Zeit.
Im Radio wurde diese Entwicklung kongenial durch die Sendung „Jungelfieber“ auf SFB 2 begleitet.
Kreuzberger Kultur und Piranha-Musiklabel
Das Berliner Musiklabel Piranha hat sich seit seiner Gründung 1987 durch seine Arbeit im alternativen Bereich der Musikindustrie hervorgetan und blieb abseits des Mainstreams. Das Label war maßgeblich an der Organisation bedeutender Events wie dem Heimatklänge-Festival und der „Langen Nacht der SoundSystems“ beteiligt und prägte damit Berlins Musikszene. Trotz internationaler Erfolge und innovativer Projekte ist Piranha ein kleines, unabhängiges Unternehmen geblieben und engagiert sich besonders für Weltmusik und die Förderung unterrepräsentierter Musikrichtungen. Die Initiative zur Messe „Womex“ und zahlreiche Kooperationen zeigen Piranhas Einfluss, während die bürokratische Struktur Berlins jedoch zur Abwanderung einiger Projekte führte. Die Geschichte von Christoph Borkowsky, Firmengründer und Impulsgeber, ist eng mit sozialen und politischen Aktivitäten verbunden, die sich in der Ausrichtung des Labels widerspiegeln.
Setlist des ersten Heimatklängefestivals 1988 und Links
The Oyster Band (UK) /Yarinistan (Turkey/DE) /S.E. Rogie (Sierra Leone)
Cheb Kader (Morocco/FR) /Flaco Jimenez (USA) /Accordions Go Crazy (UK)
Márta Sebestyén & Vujicsics (Hungary)/ Balkana feat. Trio Bulgarka (Bulgaria) The Klezmatics + Les Misérables Brass Band (USA)
Moluccan Moods Orchestra (Moluccas/NL) /Three Mustaphas Three (Balkans/UK) Orkestar Jovan Stojiljkovic Orkestar (Yugoslavia)
David Rudder & Charlie’s Roots (Trinidad) /Abdel Aziz el Mubarak (Sudan)
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